Mirjam Wittmann
Marfa
Unspektakulär wirkende Häuser, weite Landschaften und eine Ortschaft
lassen nicht auf den ersten Blick erkennen, daß es sich um ein außergewöhnliches
Gebiet in Texas handelt. Albrecht Kunkel hat in einer Fotoserie den Ort
festgehalten, an dem Donald Judd, ein bedeutender Vertreter der amerikanischen
Minimal Art, gelebt und gewirkt hat. Marfa, eine Stadt in der texanischen
Steppe, avancierte zu einer Stätte kulturellen Erlebens, da Judd
hier seine Spuren hinterließ. Als Kunsttheoretiker, Bildhauer und
Architekt waren ihm verschiedene Mittel gegeben, um den vorgefundenen
Ort und Kunst miteinander korrespondieren zu lassen.
Albrecht Kunkel fotografierte die einzelnen Häuser, um wie schon
in früheren Serien die Verortung von Kultur exemplarisch anhand von
Marfa zu zeigen. Häuser, die Judd als Atelier dienten, werden von
verschiedenen Seiten angenähert und verschwinden fast hinter einer
Reihe von Bäumen und Sträuchern, die die karge Landschaft widerspiegeln.
Andere Gebäude werden aus verschiedenen Perspektiven fotografiert
und doch wird nichts weiter preisgegeben als die äußere Architektur.
Von Mauern oder einer Landschaft verdeckt demonstriert Kunkel so die Unmöglichkeit,
den Ort eines kulturellen Ereignisses präzise wiederzugeben. Kunkel
versteht seine Fotografien lediglich als Annäherung an ein nicht
greifbares Phänomen, die Entstehung von Kultur. Er sucht Orte auf,
an denen Spuren kultureller Prozesse zu sehen sind.
In seinen früheren Arbeiten waren es prähistorische Fundstätten,
die eine erste Entwicklung und Produktion von Kultur anhand von Felszeichnungen
zeigen. Erste abstrakte Bilder, wiedergegeben als Erklärungsmodelle
der Welt. Orte, an denen Reflexion stattgefunden hat. Auch Troia, Schauplatz
von Homers Epen und archäologische Fundstätte, ist als Inbegriff
der Verschmelzung von Mythos und Wissenschaft in Kunkels künstlerischer
Strategie wiederzufinden. In einer neueren Arbeit sind es Film- und Fernsehstudios,
die als moderne Entwürfe einer Produktionsstätte von Kulturgut
gesehen werden können.
Eine Erklärung mit anderen Mitteln ist Judds Ansatz, eine figurative
Darstellung gänzlich zu verweigern. Weigerung als Prinzip wird auch
bei Kunkel deutlich in den Luftaufnahmen, die den Ort Marfa durch die
wüstenähnliche Umgebung als eine Art Oase charakterisieren.
Die Umgebung wird bedeutungsvoll, um den eigentlichen Ort zu bestimmen.
Der wiederum wird nur angenähert und verbleibt in der Andeutung der
Lokalisation des Ortes.
Einige Bilder zeigen kaum noch urbane Strukturen, so daß die Landschaft
fast unbestimmbar wird. Das Auffinden der Oase Marfa mitten in der Wüste
hat für Kunkel auch eine gewisse metaphysische Qualität, weil
die Entstehung und Bedeutung eines Ortes und die damit verbundenen Prozesse
nicht rein rationalen Ursprunges sind, sondern immer auch dem Irrationalen
und Unerklärbaren folgen.
Fast absurd erscheint in diesem Zusammenhang auch eine Reihe von Fotos,
die einen panoramaartigen Blick über Marfa freigeben. Über einzelne
Straßenzüge, typische Häuserblocks der texanischen Stadt
schweift der Blick in den unendlichen Himmel und wird nicht von Bergen
oder anderen Landschaftsformationen festgehalten. Eine räumliche
Verortung wird dadurch unmöglich. Ort und Landschaft per se verhindern
die genaue Lokalisation und Einordnung von Marfas Lage, Struktur und Beschaffenheit.
Kunkels dokumentarfotografischer Ansatz kann als Versuch verstanden werden, dem Phänomen Kultur buchstäblich von allen Seiten auf die Spur zu kommen. Besondere Bedeutung kommt dabei dem Außenraum zu, der wichtiger Bestandteil bei der Auffindung von Orten ist. Kunkels Fotografie bietet die Möglichkeit, dem Phänomen ein wenig näher zu kommen, ein Abbild gibt es jedoch nicht. Die Versuche, die Kunkel unternimmt, beinhalten immer auch das Scheitern des Versuchs, sei es konkret durch Mauern oder durch leere Horizonte. Welterfassung im Ganzen kann es nicht geben, die Mauer vor Judds Haus scheint unüberwindbar.
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