"Die Höhle als Ort der Erinnerung", so beschreibt Albrecht Kunkel einen Aspekt seiner Arbeit.
Und eine solche Empfindung vollzieht sich in der Tat für den einzelnen Betrachter in Form einer Beklemmung, die der Raum im Inneren der Erde auslöst:
das den eigenen Gesetzen unterliegende Wechselspiel von Weite und Enge, die Eigenheit der Luft- und Feuchtigkeitsverhältnisse, das schluchtige Auf und Ab einer sehr eigentümlichen Architektur, der klamme Geruch... - Fest steht, daß jede Art von Erinnerung einem individuellen Kontext angehört und Albrecht Kunkel dem Betrachter somit dessen persönliches Empfindungsspiel, bestehend aus Vorstellung, Bild und vertrautem Gefühl, offenläßt.
Die vom Künstler aufgesuchten Höhlen zählen zu bis zu einem gewissen Grade erschlossenen, mit Licht und Wegen ausgestatteten und gesicherten Besichtigungszielen. Dennoch vermitteln seine Fotografien, trotz teilweise detailgenauer Schärfen, primär keinen wissenschaftlichen Inhalt. Albrecht Kunkel dokumentiert mit seinen Arbeiten vielmehr sein eigenes Erleben von Ruhe und der Abgeschlossenheit einer Welt, in der es keine uns vertrauten Maßstäbe mehr gibt. So zum Beispiel können Farben in einem Raum ohne Licht nicht weiter existieren - erst der Einsatz künstlicher Lichtquellen erreicht eine willkürliche Nuancierung einzelner Farbstimmungen. Auf gleiche Weise vermitteln die Fotografien das Schwinden jeglichen vertrauten Gefühls von Maßstab und Raum - ob die Spitze eines Steins fünf Millimeter, fünf Zentimeter oder fünf Meter hoch gewachsen ist, läßt sich anhand der Fotografie nicht ausmachen - und trifft somit auf ein Gesetz, dem der reale Ort in der Tat selbst unterliegt, denn in einem Raum, in welchem das Wachstum eines Stalakmiten um 1 cm 1oo Jahre benötigt, verlieren die uns geläufigen Begriffe von Zeit und Dimension vollkommen an Gewicht.Auf Vertrautes verzichten muß der Betrachter der Fotografien dennoch nicht, da zahlreiche Einbrüche von Zivilisation, wie Geländer oder betonierte Treppenstufen, Hinweise geben auf "unsere" Welt.
Bei seiner Arbeit in den Höhlen hielt Kunkel sich an das dokumetarische Prinzip, die vorhandenen Bedingungen zu nutzen: die in den Höhlen angebrachten Lichtquellen, die lediglich punktuell und nur gelegentlich für einzelne Besuchergruppen eingesetzt werden, führten zu der Notwendigkeit, das Filmmaterial ungewöhnlich lange, bis zu zwanzig Minuten, zu belichten. Hierin unterscheiden sich diese Arbeiten von dem üblichen technischen Weg der Fotografie, zu dem meist nur ein Sekundenbruchteil an Belichtungszeit nötig ist. Diese Arbeit Albrecht Kunkels stellt somit eine extreme Gegenposition zum Prinzip des "decisive moments" dar, bei dem der Druck auf den Auslöser den erkannten, besser noch: den vorgeahnten Augenblick, festhält. In Höhlen produzierte Fotografien dagegen verbildlichen paradigmatisch lange Zeiträume: Millionen Jahre von Gesteinsentwicklung durch Kalkablagerung einerseits, den zur Vorbereitung und zum Aufbau benötigten Zeitraum des Aufenthalts in der Höhle andererseits und schließlich den Moment der Belichtung selbst.
"Die Zeit, in der sich das Bild selbst fixiert, der Prozeß des Belichtens also, führt zu einer Veränderung meiner eigenen Wahrnehmung der Höhle", so beschreibt Albrecht Kunkel sein Arbeiten.Dieses situative, variierende Erleben des Raums bestimmt zudem subjektive Entscheidungen, wie die Wahl des Standortes der Kamera, die Filterung des Abzugs, die Art der Präsentation.
In diesem Kontext lassen sich auch die in der Ausstellung gezeigten monochromen Farbflächen beschreiben, die als vergrößerte Farbauszüge in direktem Zusammenhang zu den Höhlenfotografien stehen.
Die im Katalog abgebildeten Sibergelatineprints bilden in ihrer klassischen Form der Repräsentation einen markanten Kontrast zu den farbigen Großformaten.
Die Detailgenauigkeit der mit einer Plattenkamera aufgenommenen und großformatig abgezogenen Bilder verweist auf die technischen Realisierungen der durch Bernd und Hilla Becher geprägten Düsseldorfer Fotoschule. Obwohl die Großbildkamera ein präzises Abbild der Höhlenwelt liefert, ist eine objektive Wirkung auf den Betrachter nicht wirklich erreichbar - unser Standpunkt jener unterirdischen Welt gegenüber bleibt in der Regel ohne eigene, konkrete Erfahrungswerte, da es an vergleichbaren, vertrauten Werten und Erfahrungen mangelt. Der Eindruck einer virtuellen Welt wird vor allem durch die Zusammensetzung der Abgeschlossenheit aus futuristisch anmutenden Kalkablagerungen und ohne das Vorhandensein vertrauter Elemente als mögliche Betrachtungsreferenz gesteigert. Ein weiterer Aspekt von Höhlen ist der Verweis auf den Ausgangspunkt unserer Zivilisation und somit auf die Entwicklung allen Denkens und der Abstraktion: Frühe Formen der Kunst und die Aufzeichnung von Wissen, also erste Spuren von Kultur, bezeugen eine Vielzahl an Felszeichnungen, welche allererste Bestrebungen des Menschen, sich die Welt begreifbar zu machen und vermittelnde Erklärungsmodelle zu finden, andeuten. Albrecht Kunkel verweist darauf durch Fotografien jener Fundorte.
Die Fotoserie von Großaquarien aus Japan und den USA, eine ältere Arbeit, hatte das Thema der Künstlichkeit schon einmal behandelt: hier ging es um die technische Umsetzung von Natur und Realität. Der Gegensatz "Natürlichkeit - Künstlichkeit" entpuppte sich bei dieser Arbeit jedoch als diffizil: der Eindruck einer künstlichen Scheinwelt überwog zu stark, und die technisch konstruierte Umsetzung ließ den jeweiligen künstlichen Lebensraum vollkommen natürlich erscheinen.
Bei seiner Arbeit über Höhlen greift Albrecht Kunkel diese Thematik erneut auf und deutet in seinen Fotografien bewußt auf menschliche Eingriffe aus jüngster Zeit. Jener marginale Hinweis auf die technischen Hilsmittel modernster Zivilisation verstärkt den Eindruck der Authentizität des Ortes und bestätigt darüberhinaus die Glaubwürdigkeit der Fotografie als Dokument eines real existierenden Raumes. Verblüffende Irritationen und ein bleibendes Spannungsverhältnis von Natürlichkeit - Künstlichkeit sind die Folge. Daß dennoch eine Balance besteht, erklärt sich aus der Tatsache, daß wir grundsätzlich - trotz zahlreicher Höhlenmetaphern in Sprache und
Denkgut und trotz des philosophischen Ansatzes von Platons berühmten Höhlengleichnis - als Betrachter nicht in der Lage sind, tatsächlich einzuschätzen, ob sich die Höhlen auf den Fotografien nicht doch als artifiziell erweisen - eben als ein Kunstprodukt.